Warum du deinen Gefühlen nicht trauen solltest

Warum du deinen Gefühlen nicht trauen solltest

Lass mich dich mit einer kleinen Geschichte abholen: Du schiebst deinen Einkaufswagen durch einen sehr vollen Supermarkt. Vor dir im Gang bildet sich ein kleiner Stau, da entgegenkommende Leute vor dir sich über etwas unterhalten und dabei lachen. Schon geht sie los, die Gedankenmaschine: “Oh Mann, sehen die nicht, wie voll es hier ist? Das ist eine Unverschämtheit, andere Leute so aufzuhalten.” Deine Stimmung steigert sich regelrecht in Verärgerung. Plötzlich verändert die Frau vor dir ihre Position und bewegt sich langsam weiter. Dein Blick wird auf ein kleines Kind frei, dass am Boden hockt und ganz selbstvergessen mit seinem kleinen Spielzeugauto spielt. Deine Mundwinkel gehen in dem Moment nach oben, als es durch deinen Kopf schießt “Ach, wie goldig. Der Kleine ist vollkommen zeit- und raumlos. Seufz, das waren noch Zeiten.” Schon schwelgst du in einem melancholischen Moment deiner Kindheit (einer Mischung aus Traurigkeit und Freude).

Kennst du diese Momente, in denen sich deine Stimmung schlagartig ändert, nur weil du auf einmal eine Situation in einem anderen Licht siehst? Daher habe ich die Überschrift dieses Blogs auch so plakativ gewählt. Es wichtig zu verstehen, dass Gefühle unseren bewussten oder unbewussten Absichten dienen. Denn wir alle können durch unsere Gedanken Gefühle erzeugen, um unserer wahren Bestimmung (Liebe, Verbindung, …) oder verdeckten Absichten (gewinnen wollen, Überlegenheit, Stolz, …) zu dienen.

Du erzeugst deine Gefühle für einen bestimmten Zweck

Wer bestimmt was du denkst? Richtig, nur du. Je nachdem über was du gerade nachdenkst, beeinflusst das deine Stimmung – deine Gefühle. Das Gefühl dient dir dann, um deine eigene Geschichte zu unterstreichen. Meistens um den eigenen versteckten Absichten zu dienen, um die eigene Box zu verteidigen und so an gewohnten Mustern festzuhalten. (Die Box ist unser Glaubenssystem, unsere Weltanschauung und besteht unter anderem aus Annahmen, Erwartungen, Erfahrungen und Glaubenssätzen. Mehr zur Box findest du in meinem Blog-Artikel EXPAND THE BOX – Unsere Verteidigungsstrategien überwinden.)

Vielleicht kennst du das Verhaltensmuster an dir (also ein Überlebensmuster deiner Box), dass du des öfteren erstmal ähnlich ärgerlich reagierst. Das könnte daran liegen, wie du erfahrungsgemäß bestimmte Situationen beurteilst – was du also über sie denkst. Vielleicht hast du das von deinen Eltern übernommen, oder es hat sich im Lauf der Zeit einfach als guter Verteidigungsmechanismus herausgestellt.

Nehmen wir einmal an, eine deiner verdeckten Absichten ist es “gut dazustehen”. Nun kommt ein Arbeitskollege zu dir an den Schreibtisch und weist dich darauf hin, dass du im Angebot, das bereits an einen Kunden raus gegangen ist, einen Zahlendreher eingebaut hast und die Endsumme nicht stimmt. Du fühlst dich wütend und reagierst auf den vermeintlichen Angriff deines Gegenübers mit einem Gegenangriff, indem du ihm vorwirfst, dass er ja auch gedrängelt hätte und dir so nicht genügend Zeit für eine professionelle Arbeit gelassen hätte.

Könntest du dich in derselben Situation auch traurig fühlen? Ja, sicher. Du hast es nicht geschafft, fehlerfrei zu arbeiten und jetzt stehst du sicherlich nicht mehr gut da. Vielleicht sieht dich dein Kollege inzwischen sogar als Versager an. Wie steht es mit Angst? Ja, auch die könntest du fühlen, wenn dein Gedankengang ist, dass dein Kollege dies sicherlich dem Chef mitteilen wird und wehe den Konsequenzen. Könntest du dich auch froh fühlen und dies dient immer noch deiner verdeckte Absicht des gut dastehen wollens? Ja, denn nach dem Vieraugenprinzip ist der Zahlendreher deinem Kollegen auch nicht aufgefallen, bevor er es an den Kunden raus geschickt hat. Er hat gerade seinen eigenen Fehler zugegeben und deine Schadenfreude jubelt.

Spannend, oder? Es passiert etwas an für sich neutrales (“etwas passiert”) und du könntest dich darüber wütend, traurig, ängstlich oder froh fühlen. Es handelt sich hierbei um echte Gefühle, deren Wahrhaftigkeit du in dem Moment fühlen konntest, während du dir selbst erklärt hast warum du sie fühlst. Dennoch hast du sie selbst erzeugt, indem du einen Gedanken gewählt hast, der zu der Geschichte passt, um deine Absicht “gut dazustehen” zu erfüllen.

In dem oben gewählten Beispiel war deine Absicht unbewusst. Es wäre sehr schmerzhaft gewesen zu erkennen, wie du Verantwortung vermeidest indem du gut dastehen möchtest. Du ärgerst dich stattdessen lieber über deinen doofen Kollegen und redest im Büro vielleicht noch schlecht über ihn, um wiederum – ja wer hätte es gedacht – gut vor den anderen dazustehen.

Du bist deinen Gefühlen nicht ausgeliefert

Doch jetzt die gute Nachricht: du bist deinen Gefühlen nicht ausgeliefert. Es ist Zeit für deine Gefühle Verantwortung zu übernehmen und sie aus dem unbewussten, aus den verdeckten Absichten, ins Licht zu holen und von allen (vier Gefühls-)Seiten zu beleuchten. Das funktioniert recht einfach, wenn du folgenden Schritten und den Fragen folgst:

Standortbestimmung:

  • Wie fühle ich mich gerade? – Wütend.
  • Welche Geschichte erzähle ich mir dazu? – Der andere hat mich nicht angerufen, obwohl er es versprochen hatte.
  • Welcher Absicht würde es dienen, wenn ich nur dieses eine Gefühl benenne? – Recht haben. Ich wusste, dass er es wieder vergisst. Auf ihn ist kein Verlass.

Neue Entscheidung:

  • Ist diese Absicht dienlich? – Nein, hierbei handelt es sich um eine versteckte Absicht, einen Verteidigungsmechanismus meiner Box.
  • Möchte ich etwas anderes in meinem Leben kreieren? – Ja, denn so sind wir nicht in Kontakt und ich würde mich nur unnötig weiter ärgern.

Verantwortung übernehmen:

Diesmal bringst du alle vier Gefühle mit in die Kommunikation. Du teilst also nicht nur mit, warum du dich wütend über den nicht stattgefunden Anruf fühlst, sondern auch, warum du dich traurig, ängstlich und froh fühlst. Lege außerdem offen (ja, das wird wahrscheinlich ziemlich weh tun), welcher Absicht du dienen würdest, wenn du nur das erste Gefühl unter Ausschluss der übrigen drei Gefühle benennen würdest.

  • Ich fühle mich wütend, weil – du nicht, wie versprochen, angerufen hast.
  • Ich fühle mich traurig, weil – ich mich dadurch nicht mit meinen Sorgen gesehen fühle. Denn ich hatte Angst, dass dir etwas auf dem Weg zustoßen könnte.
  • Ich fühle mich ängstlich, weil – du mich vielleicht für eine Glucke halten könntest.
  • Ich fühle mich froh, weil – ich dir dies nun gesagt habe und ich gar nicht mit dir grollen möchte. Meine zuerst gezeigte Wut diente der Absicht – mal wieder zu beweisen, dass du deine Versprechen eh nicht einhältst und ich Recht habe. Mit meiner Wut wollte ich dich außerdem dazu bringen, dass du es das nächste Mal bestimmt nicht mehr vergisst.

Indem du diese vollständige und verantwortliche Art der Kommunikation wählst, nimmt dies den Sprengstoff aus so ziemlich jedem niederen Drama. Du zeigst dich verletzlich und zeigst, wie sehr dir der andere etwas bedeutet. Da ist Liebe in der Kommunikation.

Und diese Kommunikation (in Liebe mit dir selbst) funktioniert auch, ohne dass ein anderer involviert ist. Zum Beispiel am Steuer deines Autos, während du hinter einem deutlich langsameren Auto fährst und es keine Möglichkeit gibt, zu überholen. Welches Gefühl kommt als erstes auf? Welche Geschichte erzählst du dir gerade? Was ist die Absicht dahinter? Und du ahnst es schon: Wofür entscheidest du dich stattdessen? Welche Geschichte dient dir mehr?

Wie du also auf etwas gefühlsmäßig reagierst liegt an dir, denn du hast die Wahl was du denkst und wie du dich letztendlich entscheidest.

Grüße aus dem Herzen
Lisa

Weitere Empfehlungen:

Für die Unterscheidung zwischen Gefühle und Emotionen empfehle ich dir meinen Blog-Artikel Gefühls-Chaos hoch 3 und das Buch von Vivian Ditmar “Gefühle & Emotionen – Eine Anleitung”. Wie du mit den alten Emotionen umgehen und diese lösen kannst, ist in dem genannten Blog-Artikel auch ausführlich beschrieben.

2 Antworten auf Warum du deinen Gefühlen nicht trauen solltest

  • Hi Lisa, danke für diesen Artikel mit klaren Unterscheidungen. Ich freue mich darüber, dass du dir die Zeit nimmst, um uns das hier zum Lesen zu geben. Und ich bin wütend über mich selbst, dass ich nicht schon längst (!) einen ähnlichen Artikel verfasst habe. (Verteidigungsstrategie meiner Box: Wütend auf mich selbst sein (Versteckte Wut: Wut auf dich, da du das, was ich machen/können will, bereits machst) – Zweck: Mich auf diese Wut und den zugehörigen Stillstand ausruhen. Reframe: Ich kann diese Wut nutzen, um selbst einen Artikel zu schreiben!)

    Danke dir, Lisa!

    • Hallo Marian,
      vielen vielen Dank für deinen Kommentar zum Blog-Artikel. 🙂 Und ich freue mich sehr darüber, wie du deine Wut mit allen Facetten beschreibst und sie in konstruktive Bahnen lenkst!
      Liebe Grüße
      Lisa

Schreibe einen Kommentar