Enttäuschungen: Was wir daraus lernen können

Enttäuschungen: Was wir daraus lernen können

oder: Die Kunst des Loslassens von Erwartungen

Wir alle haben Erwartungen. Wie sich Menschen uns gegenüber verhalten oder wie sich Dinge in unserem Leben entwickeln sollten. Doch da das Leben weder vorhersehbar noch kontrollierbar ist, sind Enttäuschungen nahezu vorprogrammiert.

Wie oft warst du in deinem Leben schon enttäuscht? Von dir selbst oder von anderen? Ziele die du nicht erreicht hast, oder Wünsche die nicht erfüllt wurden. Das kann erst einmal heftig schmerzen.

Im Wort Enttäuschung steckt bereits, dass wir uns getäuscht haben. Mit der Enttäuschung wird der Selbstbetrug, der blinde Fleck aufgehoben: Wir erleben eine Ent-TÄUSCHUNG – wir müssen unweigerlich unsere Illusion loslassen.

Wenn das geschieht, dann machen wir im Affekt genau das, was wir am liebsten tun: wir deuten mit dem Zeigefinger auf den “Betrüger” und verurteilen ihn dafür, was er uns angetan hat. Wir wollen ihn dafür strafen, dass er uns hintergangen hat. Sind wir von uns selbst enttäuscht, finden wir eine Menge Gründe, wie uns vielleicht Steine in den Weg gelegt wurden.

Doch wenn wir herausfinden, dass wir beispielsweise von unserer besten Freundin, unserem Partner oder von unseren Vorgesetzten hintergangen wurden, so ist doch das Äußere ein Spiegel für unseres Inneres.

“Spinnst du Lisa?”, magst du jetzt fragen. Doch meine Gegenfrage ist: “Warum konntest du so hintergangen werden?”

Unser Bewertungssystem und die Illusion

Wir können nur hintergangen werden, weil wir uns nicht der Wahrheit unseres Lebens stellen wollen. Es gibt viele Bereiche in unserem Leben, in denen wir uns gerne täuschen lassen oder in denen wir Erwartungen an andere haben, die es zu erfüllen gilt. Wir gaukeln uns selbst Sicherheit vor. Die Sicherheit von Treue in der Freundschaft, ein sich-verlassen-auf den anderen, sei es in einer privaten oder geschäftlichen Beziehung.

Lieber lassen wir uns ein X für ein U vormachen, aus Angst davor in unvorhersehbare, herausfordernde Gebiete einzutauchen oder unsere rosarote Brille absetzen zu müssen.

Blick nach Innen

Gerne projizieren wir unseren Selbst-Betrug auf andere. So wird dieser zum “Schuldigen” und gewissermaßen muss er dich hintergehen. Es ist schwer in diesen Spiegel der Projektion zu sehen, doch je länger wir uns davor drücken desto undurchschaubarer wird unser Spiegelbild. Wir blicken nicht mehr durch…

Doch genau diese Verwirrung kann heilsam sein, denn sie zwingt uns, zu einer Auseinandersetzung mit unserem Innersten: Wo hält mich mein Sicherheitsbedürfnis gefangen und beschränke ich mich auf das Notwendigste? Was hingegen sind meine Bedürfnisse und Wünsche? Wie können wir für uns eine stimmige Balance zwischen der Anpassung (aus einer Angst heraus) an die äußeren Umstände / an andere Menschen und einer Öffnung in das Nicht-Lineare (in neue Möglichkeiten) erarbeiten?

Wenn wir eine Lebenslüge oder eine Illusion aufgedeckt haben, fühlt sich dies erst einmal sehr schmerzhaft an. Schmerz fühlen, ist nichts anderes als unsere Gefühle der Traurigkeit, der Angst, der Wut aber auch der Freude*) wahrzunehmen, die wir so lange unter unserer Taubheitsschwelle begraben hatten. Finde den Mut, dich auf dieses vermeintliche Gefühlschaos einzulassen – den Schmerz zu fühlen und die Gefühle für dich zu nutzen (siehe Blogartikel Gefühls-Chaos). Sicherheit ist eine Illusion und das einzige worauf wir uns verlassen können ist das Unvorhersehbare.

Die Krux mit den Erwartungen

Wir alle messen uns tagtäglich selber unbewusst an mehreren Bewertungssystemen. Das können Systeme sein, die wir von unseren Eltern, der Religion, der Schule oder der Kultur in der wir leben, übernommen haben. Dadurch haben wir teilweise sehr hohe Erwartungen an uns selbst, was wir alles tun oder können müssten. Wie oft machen wir Dinge, nur weil wir denken, dass dies von uns so erwartet wird? Wir passen uns an und verbiegen uns.

Und genauso haben wir Erwartungen an andere, die diese natürlich auch zu erfüllen haben.

Es sitzt so tief in uns, Erwartungen zu hegen und zu bewerten, dass wir uns gar nicht vorstellen können, wie es wäre, völlig bewertungsfrei zu leben. Einfach zu beobachten, und das was passiert als völlig neutral anzusehen: Es ist wie es ist. Einfach nur das, ohne Bewertung und ohne Erwartung an den anderen, er möge doch anders handeln.

Wenn du etwas er-WARTEST (Ach, ich liebe diese Wortspiele. Unsere Sprache wörtlich zu nehmen ist wie eine Offenbarung), dann bist du gedanklich permanent in der Zukunft – du lebst nicht wirklich, sondern hängst deinen Träumen nach. Dein Leben zieht an dir vorüber, weil du darauf wartest, wie jemand anderes deine Bedürfnisse erfüllt. Viel Erfolg! Denn wo hast du dein Zentrum, wenn du jemanden anderen für dein Glück verantwortlichst machst? Ja, richtig: beim anderen. Das hat nichts mit einem erwachsenen Verantwortungsbewusstsein dir selbst gegenüber zu tun, gut für dich zu sorgen und für dich einzustehen.

In dieser Wartehaltung bist du auch nicht mehr offen für alle Möglichkeiten, die sich im JETZT auftun, denn du bist so auf die Erfüllung deiner Erwartungen fokussiert. Dein Fokus ist komplett auf den Mangel ausgerichtet. Deshalb sind Erwartungen für Enttäuschungen vorprogrammiert.

Wie du Enttäuschungen überwindest

1) Sei liebevoll mit dir selbst

Eckhart Tolle sagt, dass wir das annehmen sollten, was ist. Wenn ich also merke, ich bin schon im Widerstand gelandet – ich habe nicht geschafft etwas anzunehmen, wie es ist – ich bin bereits in der Enttäuschung, in der Wut, in der Traurigkeit – dann sollten wir genau das annehmen, diesen Zustand. So kann Frieden einkehren.

2) Lege dein Bewertungssystem und deine Erwartungen frei

Schreibe dir genau auf, welche Erwartungen du verinnerlicht hast und welche Regeln du in deinem Leben aufgestellt hast. Welche Urteile und Bewertungen hast du?

  • Er muss mich zuerst anrufen.
  • Nur wenn ich xy Euro verdiene, bin ich erfolgreich.
  • Es ist üblich, dass man pünktlich ist.
  • Es gehört sich nicht, ständig so einen Krach zu machen (Warum zur Hölle, muss der auch jeden Samstag Holz sägen???).
  • Ich erwarte, dass sie höflich zu mir sind.
  • Er muss immer ehrlich sein.
  • Ich muss mindestens einen 1,5er Notendurchschnitt erreichen.

3) Woher kommen diese Erwartungen?

Die meisten meiner Erwartungen habe ich ungeprüft von anderen übernommen, sei es von der Gesellschaft oder von meinen Eltern. Es wurde von mir so erwartet, also erwarte ich das auch von anderen. Und doch habe ich ganz alleine entschieden, diese Erwartung weiter zu tragen. Ich habe mich entschieden, wie sich eine andere Person verhalten muss, oder wie etwas zu sein hat. Erwartungen sind wie ein Dogma – nichts anderes ist mehr möglich. Sie sind starr und festgefahren.

4) Welche Bedürfnisse stecken dahinter?

Wenn du also deine Erwartungen und Bewertungen identifiziert hast, dann frage dich im nächsten Schritt: Welches Bedürfnis steckt wirklich dahinter? Statt dich selbst im stillen Opfer-Dasein über die nicht erfüllten Erwartungen zu betrauern, gehe auf die andere Person zu und erzähle ihr (ohne Erwartungshaltung), wie deine Gefühle und Bedürfnisse aussehen und was du dir von dem anderen wünschst.

5) Erwartungen zurücknehmen – Enttäuschungen vermeiden

Noch eine Stufe weiter, kannst du deine Erwartungen, die du gegenüber dem anderen hast, zurücknehmen. Denn ohne diese Erwartungen in den anderen, baust du dir keine Illusion auf, die dann wiederum zerstört wird, wenn der andere nicht gemäß deinen Erwartungen handelt. Du wirst so nicht (von deinen eigenen Erwartungen) enttäuscht.Wenn der andere dir offen zuhört, dann sage: “Ich nehme die Erwartung von dir zurück, dass du xy machst. Für immer!” Das war’s. Funktioniert sehr gut, wenn du es ehrlich meinst – und vergiss auf keinen Fall das “für immer”, denn sonst kreierst du die gleiche Erwartung ziemlich schnell wieder.Achte dabei darauf, dass du zuerst einmal die kleinen Erwartungen angehst, bevor du dich an die größeren wagst. Wie schon unter 1) genannt: Sei dabei liebevoll mit dir selbst. Du hast dieses Bewertungssystem und damit die Erwartungen für Jahre genutzt. Vielleicht verschwinden sie nicht von heute auf morgen. Doch je mehr du dich darin übst, deine Erwartungen loszulassen, desto einfacher geht es auch in den anderen Bereichen.

Viel Freude beim Loslassen der hinderlichen, dich selbst einengenden Erwartungshaltungen, wünscht dir
Lisa

 

*) Beim Korrekturlesen dieses Blogartikels wurde ich gefragt, warum es denn schmerzhaft sein sollte Freude zu fühlen? Viele Menschen erlebe ich so, dass sie Wut, Traurigkeit und Angst als negativ einstufen. Freude ist es, auf das sie hinarbeiten.

Doch viele von uns, mich eingeschlossen, haben echte Schwierigkeiten, wahre Freude zuzulassen. In meiner Kindheit war es nicht angebracht, zu viel Freude zu zeigen, da es in dem religiösen Kontext, in denen ich aufwuchs, sowieso mit der Menschheit zu Grunde ging. Es war wichtig ein Gottgefälliges Leben zu führen. Echte Freude habe ich kaum verspürt. Höchstens ein nettes-Mädchen-Lächeln gezeigt, um nicht aus der Rolle zu fallen.

Lange hatte ich Beklemmungen im Brustbereich und konnte nicht ausgelassen Lachen, ohne mich dabei schuldbewusst umzusehen. (Ist das noch angemessen?) Das durfte ich durch die Gefühlsarbeit im Possibility Management erst wieder lernen.

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