Vor einiger Zeit war eine Freundin bei mir zum Coaching, mit der ich mehrere Monate Schreibtisch an Schreibtisch arbeitete. Sie teilte mit mir, was ihr auf dem Herzen lag und was sie gerne für sich in dem Coaching erreichen würde. Dabei kam ziemlich bald zur Sprache, dass sie auf der Arbeit sehr frustriert sei, da der Chef sie gar nicht wahrnehme, geschweige denn Anerkennung schenken würde. Nur wenn etwas NICHT reibungslos laufe, würde er Notiz von ihrer Arbeit nehmen. Ein anderer Kollege habe ein ziemlich gutes und persönliches Verhältnis zum Chef und ernte all die Lorbeeren. Auf meine Frage, ob sie sich denn auch so einen Kontakt zum Chef wünschen würde, schaute sie entsetzt. “Oh, nee, nicht wirklich. Da müsste ich mich ja komplett verstellen. Dieses Oberflächliche ist furchtbar.” 

 

In dem was sie sagte, erinnerte sie mich dermaßen an mich selbst, als ich noch in derselben Abteilung arbeitete. Auch ich kam mir damals nicht gewertschätzt vor. Überstunden und einwandfreie Arbeit wurden nicht mit einem Dank “quittiert”. Ich musste lachen: es war, als würde ich mir selbst gegenüber sitzen. 

Wonach sehnen wir uns wirklich?

“Wie kommt es dann, dass dir Wertschätzung vom Chef so wichtig ist?”, fragte ich weiter. Lange blieb es still, eine Antwort wollte ihr nicht so recht einfallen. “Schätzt du dich denn selber wert, für das was du täglich tust?” war meine nächste Frage an sie. Tränen füllten ihre Augen: “Nein, das mache ich nicht.” 

 

nicht das Gleiche“Wie kommt es, dass du dich nach Wertschätzung vom Chef sehnst, du dir diese aber selbst nicht geben kannst?” Diese Frage schlug ein. All die Anerkennung, die ihr so gut tun würde, suchte sie im Außen. Ihre Aufmerksamkeit – ihr Zentrum – lag bei den anderen. Wie sahen und beurteilten sie die Vorgesetzten? Was dachten die Kollegen über sie? Damit lag all ihre Energie im Außen, sie drehte sich im Kreis, weil sie ja von den anderen nicht bekam, wonach sie sich sehnte und so stieg die Frustration immer mehr an. Denn andere können wir nicht ändern und selbst wenn sie ein Dank vom Chef gehört hätte, dann hätte sie ihm das nicht von Herzen geglaubt. 

Lob & Anerkennung versus Wertschätzung 

Zu Recht, denn im Alltag wird Wertschätzung oft mit dem Lob und der Anerkennung von Leistung verwechselt. Doch Wertschätzung ist weit mehr als das. Es ist eine Herzens- und Geisteshaltung, die weit hinter die Leistung oder Taten eines Menschen blickt. Die Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sie richtet sich an sein Wesen.  

 

Wertschätzung kommt aus einer Haltung, die das niedere Drama (Recht haben, gewinnen wollen, der Bessere sein, …) weit hinter sich lässt. Aus einer Haltung die Verbundenheit, Wohlwollen und ein Miteinander mit sich bringt. Echte Wertschätzung richtet sich an den Seins-Kern eines Menschen. Wertschätzung ist nachhaltig, denn sie nährt unser Sein. 

 

Das ist auch die Unterscheidung zu Lob & Anerkennung. Lob richtet sich alleine an die Handlungen des anderen. “Aber Lob ist doch nichts Verkehrtes”, magst du einwenden. Ich bin damit inzwischen sehr vorsichtig geworden. Lob, wie auch Tadel, setzen wir gerne als Mittel der Manipulation ein. Wie das funktioniert?

Lob als Manipulationstechnik

Ein Beispiel, wie ihr es vielleicht von Familientreffen kennt: Die kleine Nichte hat ein Bild gezeichnet und bringt es stolz an den Tisch, an dem die Erwachsenen sitzen. Doch da alle in einem Gespräch vertieft sind, blickt die Mutter nur kurz auf und lobt das Kind: “Suuuper, was für ein schönes Pferd. Mal der Oma doch auch eines. Du bist so eine talentierte Zeichnerin.” Die Mutter sagt dies in der Hoffnung, dass die Kleine weiter zeichnet und sie sich wieder unterhalten kann. Dasselbe gilt natürlich auch für Tadel, hier wollen wir, dass jemand weniger von dem, für uns störenden Verhalten, an den Tag legt. Mit Lob wollen wir, dass der andere mehr von der gezeigten Verhaltensweise an den Tag legt, bei Tadel, dass er diese Handlungsweise zukünftig unterlassen sollte.* 

* Lob ist eine Straßensperre der Kommunikation, denn die Kleine wird in dem, was ihr wichtig ist nicht gehört, sondern abgeblockt / manipuliert. Wenn du darüber mehr erfahren möchtest, empfehle ich dir das Buch “Die Familienkonferenz” von Thomas Gordon. 

Was echte Wertschätzung ausmacht

Wertschätzung für den anderen geht über das Tun oder Haben einer Person hinaus. Sie wendet sich direkt an das Sein des anderen. Wir deklarieren, was / wer eine andere Person für uns ist. 

 

Die Definition über Wertschätzung im Buch “Wertschätzung – Wie Flow entsteht und die Zahlen stimmen” (S.218) gefällt mir auch sehr gut und daher möchte ich sie hier einmal in ihre Bestandteile zerlegen und durch meine Gedanken und Stichpunkte ergänzen:

 

WERTSCHÄTZUNG IST: 

Ein klarer Blick auf das was IST. 

→ Wir richten unsere Aufmerksamkeit gezielt auf das, was der andere für uns ist und nicht, auf das was er tut oder sagt. Das ist wie eine Wertschätzungsbrille aufzusetzen, mit der wir hinter die Fassade blicken können, um die Qualitäten des anderen Wert zu schätzen, die hinter seinem Tun stehen. 

Die Fähigkeit, unsere automatische Fokussierung auf Fehler und Schwächen zu erkennen und beiseite zu nehmen. 

→ Die Fehler des anderen springen uns im Regelfall regelrecht an. Wir sehen sofort, was uns nicht gefällt. Doch wenn wir unsere Aufmerksamkeit nur darauf legen, finden wir uns leicht in einer Diskussion wieder, oder sammeln verurteilende Meinungen über den anderen. 

Unsere Bereitschaft, den eigenen Standpunkt los zu lassen.

→ Vor allem, wenn wir uns bei einer Begegnung im Recht fühlen, oder eine festgefahrene Meinung über jemanden haben, so verhindert dies authentischen Kontakt mit dem anderen. Nur das Hinterfragen unserer eigenen Haltung (in den meisten Fällen ein “Überlebensmechanismus”, eine Verteidigungsstrategie) kann eine Veränderung herbei führen. 

Eine wohlwollende Haltung gegenüber uns selbst, dem anderen und dem Leben. 

→ Nehmen wir hingegen eine wohlwollende Haltung ein, ändert das wie wir uns, den anderen und auch das Leben an sich betrachten. Energie folgt der Aufmerksamkeit. Worauf will ich meinen Blick wenden und was dadurch in meinem Leben kreieren?

Ein konsequenter Blick auf das vorhandene Gute auf die Potentiale des anderen.

→ Wenn wir uns also auf das Gute, die Qualitäten, die Schätze, den Seins-Zustand des anderen fokussieren, blicken wir auf die Potentiale des anderen, die wir wertschätzen. 

Bereitschaft, den Wachstumsschritt eines jeden zu erkennen und anzusprechen.

→ Stillschweigende Wertschätzung gibt es nicht. Sie muss immer gezeigt, ausgesprochen werden und beim anderen landen (von ihm empfangen werden). Verfalle nicht dem Irrglauben, dass der andere schon weiß, dass du ihn wertschätzt. Wir können alle keine Gedanken lesen. Und jetzt nur einmal von mir gesprochen: ich kenne kaum etwas Schöneres als zu hören, was ich für jemand anderen bin. Mehr über mich und meine Seins-Qualitäten zu erfahren.

Ausrichtung, eine gewünschte Zukunft bereits im Jetzt dadurch zu ermöglichen, indem wir die Qualität erspürbar machen.

→ Wenn du schon einmal aufrichtige Wertschätzung erfahren hast und in der Lage warst, diese in dir landen zu lassen – das bedeutet, diese nicht abzutun durch einen Kommentar oder einen Gedanken – dann kannst du richtig in dir fühlen, wie sich diese Seins-Qualität anfühlt. Du fühlst auch, wie dich diese innere Ressource durch dein Leben begleitet und was dadurch noch alles möglich ist. 

 

Wertschätzung ist wie pure Magie in der Beziehung zu uns selbst und zu anderen

Wertschätzung ist MagieWie viele von uns fühlen sich wirklich gesehen und erkannt? Wenn du dir deiner eigenen Qualitäten nicht bewusst bist, dann rennst du in Richtungen, die dir selbst nicht entsprechen. Du meinst etwas tun oder darstellen zu müssen, um von der Gesellschaft anerkannt zu werden. In dem Moment, in dem jemand die Qualität deines Seins wertschätzt und dich in deiner Person im Kern erkennt, dann ist das pure Magie. Wertschätzung ist eine kreative Kraft, die Klarheit, Verbindung und Freude schafft. Willst du ausprobieren, wie sich das anfühlen kann? Dann freu dich auf die folgenden beiden Experimente: 

 

Experiment 1: Wohlwollend mit dir selbst

Nimm dir ein Blatt Papier und einen Stift (am besten mache das jetzt gleich) und schreibe die Antworten für folgende Fragen auf:

  • Wofür schätze ich mich selbst?
  • Welcher Seinsqualitäten bin ich mir bewusst?
  • Welches Feedback erhalte ich von Freunden darüber, was sie an meinem Wesenskern schätzen?

 

Zum Beispiel: “Ich bin empathisch, aufrichtig, offen, eine Quelle an Möglichkeiten, …” Mach diese Übung immer wieder, bis du wirklich ein rundes Bild von dir erhältst. Noch besser, triff dich mit Freunden zu einer Wertschätzungs-Runde, um noch mehr in diese Qualitäten abzutauchen. 

Experiment 2: Wertschätzungs-Runde

Das funktioniert wie folgt: Zwei setzen sich jeweils auf Stühlen gegenüber. Füße sind gut geerdet auf dem Boden, die Handflächen ruhen locker auf auf den Oberschenkeln und ihr blickt euch in die Augen. Derjenige der beginnt, schwingt sich in eine wohlwollende Haltung für den anderen ein und beginnt zu sprechen, bevor das Gehirn weiß, was es sagen wird. Du kannst das Gesagte auch sehr lebendig werden lassen, indem du deine Hände mit dazu nimmst und deine Gesten sprechen lässt. Lass dich wie durch einen Wertschätzungs-Blick über die Qualitäten des anderen informieren und sprich sie direkt in sein Herz. Sprich für mindestens fünf Minuten und dann wechselt die Rollen. Solltet ihr mehr als zwei Personen sein, dann wechselt auch noch so lange durch, bis ihr mindestens fünfmal Wertschätzung erhalten habt.

Ich wünsche dir viel Freude bei den Experimenten!

Lisa



Buchempfehlung für Unternehmer:

Wertschätzung – Wie Flow entsteht und die Zahlen stimmen. – Impulse und Praktiken zur Gestaltung gelingender Zusammenarbeit (Stephan Josef Dick – Gertraud Wegst – Iris Dick) Die Webseite der Autoren: https://www.ivalyu.live/ 

 

Buchempfehlung für Familien:

Familienkonferenz: Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind (Thomas Gordan): Hier findest du die oben genannten 12 Straßensperren der Kommunikation