Unabhängig davon, dass der letzte Lebensabschnitt ohnehin von tiefen emotionalen Prozesse geprägt ist und über mehrere Monate, während der Corona-Krise, reguläre Besuche in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen gar nicht mehr möglich waren, sehen sich diese Menschen nun mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert: Wer kommt da zu mir? Wessen Gesicht und welche Mimik ist da hinter der Maske? Meint mein Gegenüber, was er sagt? 

Im Hospiz müssen wir bei der Begleitung Mund-Nasen-Schutz tragen. Das macht etwas mit unserer Kommunikation und mit der Qualität der zwischenmenschlichen Begegnungen. Im ehrenamtlichen Besuchsdienst und in der Sterbebegleitung funktioniert das, was wir als “normale” Kommunikation auffassen  – auch ganz ohne Corona – gar nicht gut. 

Begleitung findet oft ohne Worte statt. Wir üben uns darin, dem anderen einen sicheren Raum zu bieten, mit ihm zu sein und durch unsere innere Haltung und unser empathisches Einschwingen Zugang zueinander zu finden. Deswegen nimmt die Kommunikation, verbal und nonverbal, auch so einen großen Stellenwert in der Ausbildung zum Hospizbegleiter ein. 

Der Mund-Nasen-Schutz erschwert die Kommunikation

Im Kontakt mit anderen Menschen wünscht sich jeder Sicherheit und Rückmeldung. Doch nun sind als Corona-Schutzmaßnahme rund zwei Drittels des Gesichts mit einem Mund-Nasen-Schutz verdeckt. Viele fühlen sich dadurch verunsichert. Was passiert hinter der Maske? Kann ich dieser Person, die gerade durch meine Tür herein kam, vertrauen?

Unser Mund ist eine große Informationsquelle und die Mimik unterstützt dabei das gesprochene Wort. Die Masken machen es schwierig, das Gesagte in den richtigen Kontext zu setzen und sorgen für Verunsicherung. Unbewusst versuchen wir im Gesicht des anderen zu lesen, was er fühlt. Dies ist durch die Maske kaum mehr möglich. Zusätzlich sind ältere, schwerhörige Menschen stark darauf angewiesen von den Lippen zu lesen und dies zusammen mit dem Gehörten zu verarbeiten. 

Unsere Augen als Tor zur Seele

Dazu kommt, dass wir in unserer westlichen Gesellschaft verlernt haben, die Gefühle einer Person an ihrer Mimik zu erkennen. „Studien haben gezeigt, dass die durchschnittliche Emotionserkennungsfähigkeit in der Bevölkerung bei 62,7 Prozent liegt. Wir deuten nahezu jeden zweiten Gesichtsausdruck falsch oder übersehen ihn sogar“, sagt Buchautor Dirk Eilert. In Asien trägt man Masken nicht nur in Corona-Zeiten und da klappt die Kommunikation weitaus besser. Asiaten achten mehr auf die Augenpartie, um das Gefühl und den Ausdruck des Gegenübers zu lesen – das wurde bereits 2009 an der Universität Glasgow in einer Studie festgestellt. Für uns aus westlichen Ländern hingegen ist die Mundregion wichtig, um die Gefühle anderer richtig einzuordnen. Asiaten haben, laut der Studie, daher Schwierigkeiten, die Emotionen eines Westeuropäers zu verstehen, da sich die Augenpartie bei den unterschiedlichen Gesichtsausdrücken bei Westeuropäern oft nur leicht verändere.

Doch “man kann nicht nicht kommunizieren” sagte einst der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick. Damit verdeutlichte er, dass Kommunikation nicht immer sprachlich ausgedrückt wird. Mit dem Mund-Nasen-Schutz fällt zwar ein großer Teil der Mimik weg. Doch mit unserer Achtsamkeit, unserer Körpersprache und Gestik, sowie inneren Haltung, können wir uns unserem Gegenüber wieder ein ganzes Stück näher bringen. Wir können dies stets üben und verinnerlichen, um die körperliche Distanz, die durch einen Sicherheitsabstand von 1,5 m gegeben ist, zu überbrücken. 

Praktische Übungen und Tipps für eine nährende und einfühlsame Kommunikation in der Hospizarbeit.

Trotz Mund-Nasen-Schutz und Sicherheitsabstand.

  1. Bewusstsein für die besondere Situation entwickeln:
    Sei dir bewusst, dass viele sehr verunsichert sein könnten, wer da gerade zur Tür herein kommt. Durch das Tragen, vor allem von einheitlichen medizinischen Masken, fällt es schwer die Menschen voneinander zu unterscheiden.

    Mache dir klar, welche Wirkung die Wahl deiner Maske auf den anderen haben kann. Wenn es dir gestattet ist, dann trage eine farbenfrohe selbst genähte Maske, die du (frisch gewaschen), bei jedem deiner Besuche trägst. Dadurch erhöhst du den Wiedererkennungswert und stärkst das Vertrauen.

    Wenn du es mit schwerhörigen Menschen zu tun hast, kläre mit dem Pflegepersonal ab, ob es gestattet ist, ein durchsichtiges Visier als Alternative zu tragen. So kann dein Gegenüber, dir weiterhin von den Lippen ablesen.

    TIPP 1: Die Wirkung meiner Masken
    Probiere zu Hause vor dem Spiegel verschiedene Masken auf. In welcher kannst du selber gut atmen und sprechen und welche Wirkung könnte die Maske auf andere haben? Wie fühle ich mich in der Maske? Kann ich diese problemlos ein ganzes Gespräch lang tragen?

  2. Langsam und deutlich sprechen:
    Egal ob Maske, oder Visier, sprich langsam und deutlich. Eine Maske ist wie eine Barriere, die du energetisch mit deiner Stimme überwinden musst, damit deine Worte klar und verständlich beim anderen ankommen. Die Schallwellen verteilen sich nicht mehr optimal und ich muss viel lauter, mit mehr Stimmvolumen sprechen und auch deutlicher artikulieren.

    Durch das langsame und deutliche Sprechen, strahlst du außerdem eine angenehme Ruhe auf deinen Gesprächspartner aus. So vermittelst du außerdem, dass du Zeit mitgebracht hast und nicht bereits auf dem Sprung zum nächsten Termin bist. Dein Gegenüber ist dir wichtig. Es hilft außerdem, wenn du deine Worte direkt im Herzen deines Gesprächspartners landest.

    ÜBUNG 1: Mehr Platz in den Resonanzkörpern schaffen
    Herzhaft gähnen und dadurch mehr Platz im Mundraum schafft – dass der Kehlkopf sich absenkt und du mehr Volumen in die Stimme bekommst. Das funktioniert auch mit Seufzen, oder Schmatzen. (Stell dir einfach vor, wie du sehr leckeren Kuchen verspeist.)

    ÜBUNG 2: Bauchflankenatmung
    Um das Zwerchfell zu aktivieren, gerade Sitzhaltung einnehmen, entspannt mit gerader Wirbelsäule sitzen. Die Hände seitlich an die Rippen legen. Bewusst, langsam, weich und fließend seitlich gegen die Hände atmen und besonders auf die vollständige Ausatmung achten. Siebenmal wiederholen. Aktiviere die Energie / Ausstrahlung deines  Körpers.

    Anschließend Laute machen wie “ksch, ksch, ksch”, so als wolltest du ein paar Hühner verscheuchen. Fühle, wie sich deine Bauchdecke bewegt und das Zwerchfell in Aktion tritt.

  3. Achte auf deine Augen:
    Wie in der Einleitung bereits beschrieben, verstecken wir Westeuropäer gerne unsere Gefühle oder lassen sie uns nur wenig anmerken. Ein schwaches Lächeln unter der eigenen Maske wird daher nicht vom Gegenüber als Lächeln erkannt.

    Es kann daher bedrohlich wirken, wenn uns nur zwei Augen über einen Maskenrand “anstarren”. Übe daher, wie stark du lächeln musst, bis dies in deinem Augenbereich sichtbar wird (Lachfalten). Auch ein schelmisches Augenrollen, keck Zwinkern, die Augenbraue verwundert heben, sind starke Signale.

    PARTNERÜBUNG:
    Lass dir Feedback geben, ab wann man dein Lächeln unter dem Mund-Nasen-Schutz sieht. Du wirst erstaunt sein. Probiere auch andere Mimiken und lass dir Feedback geben. Probiere gegensätzliches. Wie erlebt dein Partner das Ganze?

  4. Mit Aussagen über deine Gefühle fehlende Mimik ersetzen:
    Denke im Gespräch daran, dass der andere deinen Gesichtsausdruck kaum deuten kann. Sage ihm daher konkret wie du dich fühlst, was dein Gesichtsausdruck sonst vermittelt hätte: Ich freue mich das zu hören. Das macht mich traurig. Ich fühle mich auch ängstlich / ratlos.

    Mach dir noch einmal bewusst, dass ein Besucher mit Maske Unsicherheit auslösen kann, also Angst und das wiederum kann leicht dazu führen, dass sich dein Gegenüber verschließt oder vielleicht sogar in Wut umschlägt. Geh daher den ersten Schritt und sprich über deine eigenen Gefühle und wie es dir mit der Maske geht. Mache zum Schluss das Angebot, zu hören, wie es dem anderen damit geht, dass du nun mit Maske vor ihm stehst.

    PARTNERÜBUNG:
    Wir versuchen oft stark zu sein und uns unsere Gefühle nicht anmerken zu lassen. Doch damit ist niemandem gedient. Wir machen einen nährenden Raum auf, wenn wir uns trauen, auch von unserer verletzlichen Seite zu zeigen. Dabei geht es nicht darum, ins Jammern oder Klagen zu fallen (Zukunft und Vergangenheit – wir verlieren uns in Geschichten), sondern authentisch zu fühlen, was jetzt im Moment ist.

    Teile deinem Gesprächspartner mit, was du in diesem Augenblick fühlst. Benutze dabei die Sätze: “Ich fühle mich wütend/traurig/ängstlich/froh, weil…” Deine Gefühle werden dabei in Schichten aufkommen. Gehe Schicht für Schicht tiefer.

  5. Achte auf deine Körpersprache und setze diese bewusst ein:
    Auch wenn deine Mimik hinter einer Maske verschwindet, so bleibt noch sehr viel erkennbare Körpersprache übrig. Lässt du die Schultern hängen oder sitzt du sehr starr? Wie kannst du mit Gesten das Gesagte unterstreichen? Verschränkst du deine Arme und überkreuzt du die Beine, oder hast du eine offene Körperhaltung? Unbewusst senden und empfangen wir über die Körpersprache unzählige Signale.

    Häufiger Blickkontakt vermittelt Empathie und die Kommunikation über die Hände bekommt jetzt eine noch größere Bedeutung. Geschlossene, verschränkte Arme treten stärker in den Vordergrund und werden schneller als Ablehnung empfunden. Mit einer offenen Körperhaltung – beide Füße auf dem Boden, die Hände ruhen auf den Oberschenkeln – kannst du hingegen dein Interesse signalisieren und sicheren Raum aufmachen. 

  6. Die verschiedenen Qualitäten des Zuhörens:
    Unser Zuhören und wie wertvoll dieser Zuhörerraum für den anderen ist, unterscheidet sich nur in der Qualität des Zuhörens. Im Alltag sind wir es gewohnt, fast wie “neurotisch” zuzuhören. Das heißt, wir nutzen den anderen als Sprungbrett dafür, unsere eigene Geschichte einzubringen und interessieren uns nicht wirklich für das, was der andere zu sagen hat. Wir unterbrechen den anderen, sind durch das Handy abgelenkt oder verlieren uns in Gedanken.

    In der Hospizbegleitung kann es uns leicht passieren, mit ungefragten Ratschlägen oder vorschnellen Trösten, den anderen zu “retten”, da wir die Intensität der Gefühle kaum aushalten. Doch dabei unterbrechen wir den anderen, uns das mitzuteilen, was ihm wirklich wichtig ist.

    PARTNERÜBUNG 1: “Normal neurotisches” Zuhören
    Bei dieser Übung geht es darum, den Schmerz am eigenen Leib zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn dir jemand nicht zentriert und aufrichtig zuhört. Vielleicht weil er mit den Gedanken schon in der Zukunft ist (“Was ich noch alles erledigen muss.”), über etwas vergangenes nachdenkt (“Das ist total blöd gelaufen.”), oder unser Gesagtes dazu nutzt, um selber von sich zu erzählen. Wir Menschen haben ganz feine Antennen dafür, ob uns jemand aufrichtig zuhört. Mach diese Übung ca. 1 Minute mit einem Freund, um eine Referenz dafür zu bekommen und gebt euch gegenseitig Feedback.

    PARTNERBUNG 2: Möglichkeitenzuhören
    Hier zentrierst du dich sehr gut. Setzt dich mit einer geerdeten und offenen Körperhaltung dem anderen gegenüber. Atme in den Bauch und komme ganz und gar im Jetzt an. Erinnere dich, dass du im Service für den anderen bist und lade bewusst die Haltung ein von “Verbundenheit, Miteinander, Heilung, Möglichkeiten, …” Mache dich wie zu einem Raum, in den der andere alles hineinsprechen darf, ohne dass es von dir bewertet wird. Halte dabei einen sicheren Gesprächsraum um dich und den Sprechenden und lass dich nicht von Außen ablenken. Du musst nichts tun, außer zuhören. Wenn eine Gesprächspause auftritt, lass sie da sein. Gib dem anderen die Gelegenheit, wirklich in sich hineinzufühlen. Es hilft, wenn du unter der Maske ab und zu ein bisschen brummst (“ich höre aufmerksam zu”) und auch einen freundlichen Augenkontakt hältst. (Starre den anderen nicht nieder, sondern habe ein wohlwollendes Lächeln um die Augen.) Wie hat sich die Qualität des Zuhörens verändert?

  7. Körperliche Distanz überbrücken:
    Da Händeschütteln und körperliche Berührung jetzt wegfallen, ist es umso wichtiger, diese Distanz zu überbrücken. Das kann durch eine freundliche Geste sein, wie ein Winken. Auch hier, verbalisiere deine Freude: “Wie schön, dass wir uns wieder sehen. Ich freue mich hier bei Ihnen zu sein.” Du kannst auch ganz offen die Frage stellen: “Was kann ich heute für Sie tun?” Das kann der Türöffner für ein Möglichkeitenzuhören sein. 

Dieser Blogartikel enstand aufgrund eines Vortrags, den ich im Juli beim  Hospizbegleitertreffen gehalten habe. Nachzulesen in der Main Post vom 20.07.2020: „Treffen der Hospizbegleiter: Wie die Kommunikation mit Maske gelingt“